Ein Erlebnis- und Arbeitsbericht

Abb. 1    Holzschnitz-Hochaltar von Hans Seyfer (1498), Kilianskirche Heilbronn. Hervorgehoben durch Sonnenlicht Maria mit Christuskind und in der Predella Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes. Die „Nebenfiguren“ zurückgenommen im Kunstlicht. Szene am 16.3.2015 um 16.10 Uhr ( Normalzeit ).

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Die Kilianskirche in Heilbronn im Sonnenlicht

Ein Erlebnis- und Arbeitsbericht

von Hans Joachim Rumpelt, Heilbronn

Abb. 2    Kilianskirche Heilbronn. Schattenbewegungen über die großen Spitzbogenfenster der südlichen Chorwand. Über Choreingangspforte das Fenster F3, rechts davon die Fenster erst F2, dann F1. Die Schatten werden erzeugt durch die umliegenden Häuserkulissen, teils auch durch Architekturelemente der Fassade selbst. Jahres- und tageszeitliche Zuortung siehe Text.

Inhaltsverzeichnis

Zum Geleit

Wenn die Sonne scheint, ist sie besonders schön, unsere Kilianskirche, innen und außen. Und wenn die Sonne einen ganzen Tag scheint, ist im Innenraum der Kirche viel zu sehen und zu erleben. Die unterschiedlichsten Lichtsituationen, Schattenwürfe, Farbschattierungen und Stimmungen.

Dankenswerterweise hat sich unserer Gemeindemitglied Joachim Rumpelt dieses Themas angenommen und hat in bewegenden Fotografien eingefangen und dokumentiert, wie sehr das Sonnenlicht in der Kirche wirkt und den Raum gestaltet, Einzelnes hervorhebt und so zur Architektur und zur Kunst besonders auch des einzigartigen Hochaltars von Hans Seyfer einen ganz eigenen Beitrag leistet.

„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihren Niedergang sei gelobt der Name des Herrn!“  (Psalm 113,1)

Die Aufforderung des Psalmisten berührt uns gerade, wenn wir die Schönheit und die Ruhe der Kilianskirche erleben. Die hier nunmehr vorgelegte Dokumentation lädt dazu ein, immer wieder zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten in der Kirche zu verweilen und immer wieder innerlich mit einzustimmen: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobt der Name des Herrn!“

Kilianspfarrer Hans-Jörg Eiding

                                   

Vorwort

Die Vorgeschichte dieser Broschüre beginnt vor mehreren Jahren, als – befeuert von einer guten Kassenlage – der Gedanke aufkam, die Kilianskirche durch moderne farbige Kunstglasfenster zu verschönern. Ein Wettbewerb wurde auf den Weg gebracht; Entwürfe in die engere Wahl genommen. Dann meldeten sich Stimmen, die darauf hinwiesen, dass die in Aussicht genommenen großflächigen farbkräftigen Fensterentwürfe bei Realisierung die vertraute und identitätsstiftende Raumatmosphäre gravierend nachteilig verändern würden: die Kilianskirche wäre die Kilianskirche nicht mehr und insbesondere der Seyfersche Hochaltar als das künstlerische Kernstück der Kirche würde bei Sonnenlicht durch farbige Lichtflecken verschandelt sein. Andere allerdings zweifelten, dass der Altar überhaupt in relevantem Ausmaß von direktem Sonnenlicht erreicht wird.

Durch die engagierte und heftig kontrovers geführte Diskussion in Stadt und Medien auf das Thema aufmerksam geworden, sah sich der Verfasser veranlasst, die Kontroverse durch Zusammentragung der objektiven Fakten rund um die Sonnenbeleuchtung aufzulösen und hat daher über mehrere Monate hinweg bei Besuchen der Innenstadt die Kilianskirche aufgesucht und in der Tat regelmäßig den Hochaltar immer ohne direkte Sonnenbeleuchtung angetroffen bis, ja bis an einem Nachmittag Ende September das schon nicht mehr erwartete Ereignis wurde: Offenbar durch eine sich aktuell öffnende Wolkenlücke stand überraschend ein Sonnenlichtstreifen auf dem Hochaltar und zwar geradezu gezielt auf der Petrusstatue. ( Abb. 3a )

Abb. 3a    Petrus im Sonnenlicht. 29. September 2016 um 16.10 Uhr Sommerzeit.

Abb. 3b    Petrus im Kunstlicht ( eingeschaltetes Kunstlicht erkennbar am Schattenwurf ) am 18.3.2016 um 16.15 Uhr.

Der Verfasser stand zufällig dicht vor dem schmiedeeisernen Schutzgitter ( was sich später als wichtiger Umstand herausstellen sollte ) und unmittelbar der Petrusstatue vis a vis und wurde so Zeuge, wie Petrus vom Sonnenlicht berührt eine faszinierende Plastizität, ja geradezu eine ungeahnte Lebendigkeit gewann, so dass die Statue – so sein spontaner Eindruck – gleich würde aus der Kulisse treten. Jedoch bald schon war das Sonnenlicht wieder erloschen und Petrus gleich seinen Nachbarn zu seinem gewöhnlichen hölzernen Dasein erstarrt (Abb. 3b).

Es ist nun die hauptsächliche Absicht der vorliegenden Broschüre aufzuzeigen, zu welchen offensichtlich raren Zeiten das Sonnenlicht den Hochaltar berührt, damit jeder, der mag, Zeuge eines solchen Ereignisses werden und den rechten Beobachtungsplatz zur richtigen Zeit aufsuchen kann. Der Autor hat dazu die vom Himmelslauf der Sonne abhängigen Bewegungen des direkten Sonnenlichts im Kirchenraum, besonders aber im Chorraum über mehrere Jahre dokumentiert und rekonstruiert in der Hoffnung, dass seine Aufzeichnungen ihren Lesern helfen werden, das Lichtwunder des Hochaltars der Kilianskirche kennen zu lernen.

Die Kilianskirche

Der Dreiklang aus einzigartigem Renaissanceturm, aus spätgotischem Hallenchor und mittelalterlichem von Hans Seyfer geschaffenen Hochaltar ( 1498 ) von höchster Schnitzkultur qualifiziert die Kilianskirche seit jeher als sakrales Kunstwerk von kulturhistorisch hohem Rang. Künstlerisch hochrangig auch der von Prof. Charles Crodel* ( 1894 – 1973 ) in den 1960iger Jahren geschaffene Glasfensterzyklus, der in 19 in künstlerisch ganz eigenem Stil gehaltenen Fenstern in Langhaus und Chor die biblische Botschaft in Szenen des Alten und Neuen Testaments predigt.

*Charles Chordel. Maler des expressiven Realismums der 1920iger Jahre, von den Nationalsozialisten den entarteten Künstlern zugerechnet. Nach dem Krieg gefragter Glaskunstmaler, der eine große Zahl an Kirchenfenstern in ganz Deutschland geschaffen hat, so z. B. für die Katharinenkirche in Frankfurt a.M., St. Bonifacius in Fula, St. Jakobi in Hamburg, St. Michaelis in Hildesheim, St. Petri in Magdeburg, St. Michael in Pforzheim, die Kartäuserkirche in Köln, die Kilianskirche in Heilbronn und die Dome in Bremen, Erfurt, Halberstadt und Merseburg.

Zwischen den Jahren 1250 und 1500 erbaut folgt die Architektur der Kirche ausschließlich einem gotischen Bauplan, wobei wegen der langen Bauzeit sowohl die Frühgotik ( Langhaus ) als auch die Spätgotik ( Hallenchor ) zur Gesamtkonzeption beitragen. Später folgten mehrere Umbauten – zwischenzeitliche Barockisierungen wurden wieder zurückgenommen – , die sich im Wesentlichen im Rahmen des angestammten gotischen Formenkanons bewegten, so auch der umfangreiche Wiederaufbau nach den massiven Zerstörungen des zweiten Weltkriegs. Dabei erfuhr die Innenausstattung eine Beschränkung auf das Notwendige.

Heute zeigt sich die Kirche als schlichter in sich ruhender würdevoller Kultraum von unverstellter stilistischer Reinheit, eingebettet in eine gedämpfte Helligkeit, die den Besucher mit kontemplativer Ruhe und einer Atmosphäre der Geborgenheit umfängt. Scheint allerdings die Sonne, breiten sich Lichtteppiche aus ( Abb. 4 ), die die Szene durchaus dominieren können. Diese nun sollen Gegenstand der nachfolgenden Betrachtungen sein.

Abb. 4     Kilianskirche Heilbronn. Rechtes Seitenschiff mit Blick in Richtung Chor mit Lichtteppichen aus drei Quellen: a) im Bänkeblock Licht von Kapellenfenstern b) auf den Jochbögen und der zweiten Säulenreihe in der Tiefe des Raums Licht von den oberen großen Spitzbogenfenstern der südlichen Aussenwand ( nicht im Bild ) und c) Licht zwischen den vorderen Säulen auf mehreren Chorpfeilern von den Fenstern der Chorsüdwand ( Fenster F1, F2 und F3 ). Aufnahme am 11.2.2017 um 13:50 Uhr.

Der Besucher betritt die Kirche durch eines der beiden Portale am Fuße des Hauptturms im Westen und gelangt zunächst in eine Vorhalle. Diese ist ein fensterloser Raum von mystischer Düsternis in dem diverse steinerne Schaustücke wie tierische und menschliche Ungeheuer, auch Grabplatten in einem Lapidarium versammelt sind, das der Vorhölle entstammen könnte ( Abb. 5 ).

Abb. 5    Innenansicht der Turmvorhalle mit Blick auf das Südportal am 25.9.2017 gegen 15:30 Uhr. Gleich hinter dem Ungeheuerrelief links liegt der Eingang ins Kirchenschiff (  sh. Abb. 6 ).

Aus der Vorhalle führen drei Türen ins Kirchenschiff. Ich nehme die mittlere und gelange in einer Engführung unter die Orgelempore: geschlossene Wände und niedrige Decke – nicht ungleich einem Geburtskanal.

Abb. 6    Die dunkle Engführung vor Übergang ins lichtere Kirchenschiff. 5. Mai 2016 gegen 11:30 Uhr.

Darauf – von Enge befreit – das hohe Langhaus. Hier wird mein Blick sogleich vom Mittelgang eingefangen, und entlang diesem auf die beiden spirituellen Zentren der Kirche gelenkt: zuerst auf den Gemeindealtar, der Präsenz vor allem durch seine praktisch schwarze Kreuzsilhouette erreicht, dann – über das Kreuz hinaus – zum den Chor füllenden Hochaltar, der – unterstützt von künstlicher Beleuchtung – auf den Besucher eine magische Anziehungskraft ausübt.

Ich betrete das Mittelschiff. Die beidseits begrenzenden Reihen der stämmigen schnörkellosen Rundsäulen rücken je näher sie zum Chor stehen optisch immer enger zusammen bis im Chor die dortigen Säulen durch Überlagerung eine geschlossene Säulenwand vortäuschen ( Abb. 7 ).

Abb. 7    Zentrale Kirchenschiffachse mit Blick auf den Chor bei Sonnenschein, 16.11.2015 gegen 14.15 Uhr. Die Sonnenschatten der großen Spitzbogen-Südwand-Fenster in Langhaus und Chor erreichen die nördliche Pfeilerreihe in deren mittlerem und unterem Abschnitt. Die dunklen Anteile der Sonnenschatten auf den Chorpfeilern sind Schatten eines Baugerüsts außen vor der südlichen Chorfassade.

Dem Mittelgang durch die fünf Langhaus-Joche nach vorne folgend weiten sich rechts und links die Durchblicke auf die Seitenschiffe und die diesen außen angesetzten Kapellenbuchten. Je eine pro Joch mit jeweils zwei Fenstern ( Abb. 9 unten ). Diese besitzen eine helle Grundverglasung und darin eingesetzte farbige Bibelszenen ( Abb. 8 ).

Abb. 8     Ausschnitt aus einem Kappellenfenster ( vgl. Abb. 9 ) zur Darstellung des künstlerischen Konzepts der Kapellenfenstergestaltung von Charles Chrodel ( 1965/68 ). Die Grundfläche ist aus Scheiben mit schwacher und leicht variabler Grautönung zusammengestellt. Darin inselförmig verteilt farbkräftige Bibelszenen ( Abb. 9 ), hier das „Arche Noah“ Motiv.

Über jeder Kapelle befindet sich ein großes Spitzbogenfenster aus zart farbig getönten Antikglasscheiben ( Abb. 9 ). Die großen Spitzbogenfenster des Langhauses werden von manchen als „Notfenster“ oder – da sie keine bildlichen Elemente enthalten – auch als „leere“ Fenster unterschätzt in Verkennung der Tatsache, daß es sich um wertiges Antikglas handelt und jedes Fenster durch eine eigene Auswahl zarter Farben individualisiert ist, zu helles Sonnenlicht dämpft und eine eigene zarte Farbnote ins Kirchenschiff trägt ( siehe Bildergalerie ).

Abb. 9     Langhaus, Teil der südlichen Außenwand mit drei von fünf Spitzbogenfenstern. Die Fenster weisen zwar eine schwache aber eindeutige Farbigkeit auf, die für jedes Fenster unterschiedlich ist. Die untere Kapellenfensterreihe mit mehreren isolierten Bibelszenen, darunter die der Arche Noah ( das äußerste Fenster rechts ).

Als dreischiffige gotische Basilika ist die Kilianskirche eine Licht liebende Kirche. 35 Maßwerkfenster öffnen dem Sonnenlicht den Weg in den Kirchenraum und in Sonderheit in den Chor. Während das Langhaus vom Besucher Verinnerlichung und Kontemplation erwartet, empfängt der Chor als heiterer Ort an dem Hochaltar, Sonnenlicht und hohe Glasfront sich zu einem Festsaal verbünden ( Abb. 10 ).

Abb. 10    Kilianskirche. Weiträumiger hochgotischer Hallenchor mit Hochaltar und – auch wenn wie hier keine Sonnenschatten einfallen – diffuser heller Ausleuchtung. Der Hochaltar ist zusätzlich mit Kunstlicht beleuchtet.

Aufnahme am 3.8.2019 gegen 12:45 Uhr.

Gotik und Licht

1. Joh. 1.5: Und das ist die Verkündigung, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen, dass Gott Licht ist und in ihm ist keine Finsternis.

Zur Bauzeit der Kirche als Licht noch nicht – wie heute – von physikalischen Hypothesen ( Welle oder Teilchen? ) entzaubert war, wurde Licht von den Zeitgenossen der Sphäre des Göttlichen verortet. Vielfach wird in der Bibel entsprechend berichtet, wie der Einbruch des Göttlichen in die Welt sich mit Lichterscheinungen verbindet. Als es für die Baumeister der Gotik bautechnisch möglich wurde die kompakten und festungsgleichen Kirchenmauern der Romanik durch ein Netzwerk aus schlanken Pfeilern zu ersetzen, war es nur folgerichtig, Mauerwerk durch großflächige Fenster zu ersetzen, damit göttliches Licht durch die Wände strömen und seinen angestammten Raum im Inneren einnehmen konnte.

Die Lebenswelt einer mystischen Gleichsetzung von Licht mit Gott ist besonders im Johannesevangelium thematisiert und belegt die herausgehobene Stellung des Lichts in der Vorstellung früherer Zeiten. Die Kilianskirche ist ein Ort, an dem dies unmittelbar nachvollzogen werden kann, wie wir noch sehen werden. Die hier berichteten Untersuchungen betreffen vorwiegend den fensterreichen Chorraum und den Seyferschen Schnitzaltar.

 

👉Übrigens:
Die nun folgende Darstellung der täglichen und jährlichen Bewegungsabläufe der Sonnenschatten der Chorfenster sind aus Gründen, die in der Sache liegen nicht unkompliziert. Ihre Kenntnis ist für die Betrachtung der innenkirchlichen Sonnenlichteffekte hilfreich, aber nicht zwingend nötig, so dass der Leser ggf. mit dem Kapitel „Sonnenlicht auf dem Hochaltar“ fortfahren kann.

 

Der Kirchenbau als Sonnenuhr

Physikalisch-technisch betrachtet ist die Beziehung von Sonnenlicht und Baukörper einer Kirche vergleichbar der von Sonnenlicht und einer Sonnenuhr.

Abb. 11    Sonnenuhren. a.) „einfache“ Sonnenuhr aus Polstab und Zifferblatt zur Anzeige der Tagesstunden. b.) „erweiterte“ Sonnenuhr mit zusätzlicher Hyperbelserie zur Anzeige der Tagesstunden und der Jahreszeit. Beide Sonnenuhren hier in vertikaler ( Wand- ) Hängung.

Eine Sonnenuhr ist bekanntlich ein zwei-Komponenten-Konstrukt ( Abb. 11 ) aus a) einem Schatten werfenden Zeiger, dem Polstab und b) einem skalierten Zifferblatt, auf dem sich der Polstabschatten abbildet und die Uhrzeit ( Tageszeit ) abgelesen werden kann. Umgekehrt verhält es sich beim „Kirchenbau als Sonnenuhr“ ( Abb. 12 ). Hier realisiert sich die Sonnenuhrfunktion in der Weise, dass an die Stelle des Polstabs ein Fensterausschnitt tritt und anstelle des Polstabschattens das Sonnenlichtbündel, das durch den Fensterausschnitt in den Kircheninnenraum fällt. Uhrzeit-Ableseflächen sind die inneren Kirchenraumflächen. Die Kirchenbau-Sonnenuhr zeigt, wenn man eine entsprechende Kalibrierung des Kirchenraums durchgeführt hat, die wahre Ortszeit an wie eine übliche Sonnenuhr ( www. Wikipedia: Sonnenuhr ).

Abb. 12    Der Kirchenbau als Sonnenuhr. Dargestellt ist an einem 1:100 Modell des Chors der Kilianskirche die Sonnenschattenposition der Chorfenster F1, F2 und F3 für 4 Jahreszeitpunkte. a = Sommersonnenwende im Juni, b = Frühlingsanfang im März, c = Herbstanfang im Oktober und d = Wintersonnenwende im Dezember.
Für das Fenster F3 ist zusätzlich der Strahlengang des Sonnenschattens für vier Jahreszeitpunkte eingetragen.

    Der Polstabschatten bzw. der Sonnenschatten ist eine Funktion des Ortes der Sonne an der Himmelskugel, von dem aus die Sonne gleichzeitig zwei Bewegungsrichtungen folgt, nämlich:

    • dem radiären Stundenwinkel ( vergl. Abb. 11 ), der mit der Tageszeit gekoppelt ist und
    • dem Deklinationswinkel, der die Höhe des Sonnenstandes über dem Horizont beschreibt und der mit dem Kalenderdatum verbunden ist.

    Dargestellt wird die Sonnenbewegung a. durch den Polstab für den Tagesstundenwinkel und   b. durch die Polstablänge ( Polstab mit Nodus ) für den Jahreszeitpunkt mit Ablesung der Hyperbelkurven ( Abb.  11b. Zu den Details sh. Wikipedia/Sonnenuhr ).

Die Begriffe „horizonale“ und „vertikale“ Sonnenschattenbewegungen wurden aus Gründen der unmittelbaren Anschauung gewählt und sind zu unterscheiden von den Begriffen „horizontale Sonnenuhr“ und „vertikale Sonnenuhr“ der allgemeinen Sonnenuhrliteratur. Diese bezieht sich auf die horizontale Bodenaufstellung bzw. die vertikale Hängung an einer Wand.

Eine Schwierigkeit bei der Beschreibung der „Kirchen-Sonnenuhr“ ergibt sich dadurch, dass es für die Lichtfläche, die den Fensterausschnitt abbildet, keinen terminus technicus gibt. Ich wähle „Sonnenschatten“ analog der Bezeichnung „Polstabschatten“ der Standard-Sonnenuhr.

Da Sonnenuhren nur bei Sonnenschein „Dienst tun“ ist die meteorologische tägliche Sonnenscheindauer von Interesse. In der Heilbronner Region beträgt sie laut www.wetteronline.de/HN ( Monat / Sonnenscheinstunden pro Tag ) für:
Januar 2 Tagesstunden / Februar 3 Std / März 4,5 Std / April 6 Std / Mai 7 Std / Juni 7,5 Std / Juli 7,5 Std / August 7 Std / September 5,5 Std / Oktober 3,5 Std / November 2 Std und Dezember 1,8 Stunden.

Die südlichen Chorwandfenster und ihre Sonnenschatten

Abbildung 13 zeigt den Grundriss des Chors der Kilianskirche. Die südlichen Chorwandfenster sind die drei großen Spitzbogenfenster F1, F2 und F3 ( Abb. 13 und Abb. 14 ).

Abb. 13    Grundriss des Chors der Kilianskirche. Darstellung der täglichen Wanderung des Sonnenschattens F2 ab 10 Uhr. Der Sonnenschatten erreicht modifiziert von der Jahreszeit und dem Lichtdurchtrittswinkel durch Fenster F2 auf seiner Tagesrunde zeitweise die nördliche Choraußenwand, zeitweise die Kapellenaußenwand und wird zwischenzeitlich durch die verschiedenen Pfeiler abgefangen. Der Pfeiler P1 begrenzt die Sonnenschattenbewegung im Mittelchor, so dass nur gut die linke Hälfte des Hochaltars belichtet wird.

Die Verglasung der Fenster F1, 2 und 3 ist anders als die Spitzbogenfenster im Langhaus ( vgl. Abb. 9 ) farbneutral in blassen Grautönen gehalten ( Abb. 14 ).

Abb. 14     Chor der Kilianskirche im Grundriss mit aufgeklappten Innenansichten der betreffenden Chorwandabschnitte. Gekennzeichnet sind die Fenster F1 bis 3 und der Pfeiler P1 ( sh. Abb. 13 ). An das Foto von der südlichen Chorwand ist ein Ausschnitt von F3 zur Darstellung der farblichen Beschaffenheit der F-Fenster beigefügt.

Größe, Position und Bewegung der Sonnenschatten im Kirchenraum sind eine direkte Funktion von Größe und Lage der Fenster und der räumlichen Stellung der Sonne zu den Fenstern. Jedes Fenster in geeigneter Lage funktioniert als eigene Sonnenuhr. Korrespondierend mit den Bewegungen der Sonne am Himmel bewegen sich die Sonnenschatten in zwei Richtungen: nämlich einer ( näherungsweise ) „horizontalen“ Tagesbewegung und einer „vertikalen“ Jahresbewegung ( Abb. 15 ).

Die horizontale Sonnenbewegung

Die „horizontale“ Sonnenschatten-Bewegung im Kirchenraum zeichnet den Ost- West- Tageslauf der Sonne nach und ermöglicht das „Ablesen“ der aktuellen Tagesstunde. Die „vertikale“ Sonnenschattenbewegung wird weiter unten besprochen.

Die Längsachse der Kilianskirche ist mit leichter Abweichung ost-westlich ausgerichtet. Die Sonne steht auf ihrer Tageswanderung daher vormittags vor dem Chor und mittags senkrecht vor der südlichen Chorwand ( Kiliansplatz ), während mit nahendem Abend die Sonnenstrahlen in zunehmend flacherem Winkel auf die südlichen Chorwandfenster treffen und schließlich von den auskragenden äußeren Wandpfeilern abgefangen werden (Abb. 2c ). Abb. 13 veranschaulicht am Beispiel von Fenster F2 wie sich die Sonne im Rahmen ihres Tageslaufs von Ost nach West und der zugehörige Sonnenschatten im Kircheninneren umgekehrt von West nach Ost bewegt. Dies läuft täglich in gleicher Weise ab, weshalb der Sonnenschatten jeden Tag des Jahres zur gleichen Tageszeit auf dem gleichen „Meridian“ steht.

Beispielhaft näher betrachtet sei der Sonnenschatten von F2 (Abb. 13 und 15 ). Dieser quert die Stundenmeridianlinien von 11 Uhr, 12 Uhr und 13 Uhr um gegen 14 Uhr den nördlichen Rand des nördlichen Seitenchors zu erreichen. Danach verlässt er die horizontale Ebene und wandert über die Seitenchor- und Mittelchorwände schräg nach oben in Richtung auf die Höhe seines Herkunftfensters F2.

Abb. 15    Zusammenfassung der Sonnenschattenbewegungen im Chor. Wichtigster Ausgangspunkt ist Fenster F2. Die Tagesbewegung folgt dem „horizontalen“ Weg auf dem grau dargestellten Band von Westen ( linke Bildseite ) bis zum Chor und steigt dann in Richtung F2 in die Höhe. Die grüne Linie repärsentiert die Lage der Basis vom Sonnenschatten Anfang Januar. Die rote und die gelbe Linie markieren die Lage der Sonnenschattenbasis zu den angegebenen Jahreszeiten ( entsprechend dem vertikalen Weg ).

Abb. 16    Gegen Mittag treffen die Sonnenschatten der südlichen Chorwandfenster F1, 2 und 3 bei Strahlungsrichtung nach Norden auf die nördlichen Chorpfeiler. Aufnahme 18.2.2019 um 12.20 Uhr.

Der Sonnenschatten jedes der drei südlichen Chorwandfenster nimmt einen eigenen Verlauf, der besonders im Bereich des Hochaltars differiert, wie jetzt beschrieben werden soll.

Mittelchor, nördlicher und südlicher Seitenchor
Das vormittags von Osten nacheinander in die Mittel- und Seitenchorfenster einfallende Licht dringt wegen deren farbiger figurativer Kunstgläser nur stark reduziert in den Kirchenraum, verursacht zwar deutlich farbige Sonnenschatten, erreicht aber wegen der gleichzeitigen starken Lichtdämpfung keine nennenswerte Raumwirkung.

Die Fenster F1, F2 und F3 der südlichen Chorwand
Dagegen verfügen die drei großen Spitzbogenfenster der südlichen Chorwand über nur schwach neutralgraue Antikgläser von leicht wechselnder Grauintensität ( Abb. 14 ), die nur wenig Licht schlucken und helle Sonnenschatten durchlassen. Die Sonnenschatten von F1, F2 und F3 erscheinen gegen 10:00 Uhr auf der Westseite des Chors, die die Grenze zum Langhaus bildet und zwar in einer Wandhöhe, die von der aktuellen Jahreszeit abhängig ist ( vergl. Kapitel über die vertikale Sonnenuhr ). Diese drei senkrecht parallel aufgestellten Sonnenschatten wandern als Dreiergruppe in annähernd horizontaler Ebene in Richtung Hochaltar. Abb. 16 zeigt die Lage der drei Parallelsonnenschatten bei 12.00 Uhr. Die vertikale Höhe entspricht etwa der von Anfang März. Die Beziehung der Sonnenschatten der Fenster F1, 2 und 3 zum Hochaltar ist individuell unterschiedlich und wird getrennt betrachtet.

Fenster F1 und Hochaltar
Der Sonnenschatten F1 – wenn er sich auf der erforderlichen vertikalen Jahreshöhe befindet, was in den ersten Wochen des März der Fall ist – erreicht gegen 14.30 Uhr den seitlichen Rand des linken Altarseitenflügels. Gleich rechts von dieser Linie wird der Sonnenschatten F1 vom Mauervorsprung P1 abgefangen ( Abb. 13 ), der Mittelchor und südlichen Seitenchor trennt. Dadurch überspringt der Sonnenschatten im weiteren Verlauf den Mittelchor mit dem Hochaltar und läuft im südlichen Seitenchor weiter. Der Hochaltar wird vom Sonnenschatten F1 nicht berührt.

Fenster F2 und Hochaltar
Der Sonnenschatten von F2 ist der einzige, der den Hochaltar voll trifft. Auf der vertikalen Achse befindet sich der Sonnenschatten dann entweder absteigend in der Zeit von Anfang bis Mitte März oder aufsteigend in der Zeit von Ende September bis Anfang Oktober. Der horizontale Sonnenschatten von F2 erreicht gegen 15.30 Uhr den linken Altarseitenflügel, zieht über diesen und danach über die Statuen Laurentius, Petrus und die Madonna hinweg und braucht für diese Strecke ca. 45 Minuten. Wenn der wandernde Sonnenschatten die Grenze zum Territorium des Hl. Kilian erreicht, verlässt er den Altar, weil er auf den Pfeiler P1 überspringt, um danach in den südlichen Seitenchor zu gleiten ( Abb. 17 ). Der Hl. Kilian und der Hl. Stefanus sowie der rechte Altarseitenflügel werden daher vom Sonnenschatten F2 nicht erfasst, auch nicht von anderen Sonnenschatten.

Abb. 17    Blick von Fenster F2 auf den Hochaltar, analog dem 16:00 Uhr Pfeil in Abb. 11. Der Pfeiler P1 teilt bei dieser topografischen Situation den Sonnenschein in einen linken Anteil, der links am Pfeiler vorbei auf die Marienfigur fällt, währenddessen der rechte Anteil vom Pfeiler P1 und dessen Übergang in den südlichen Seitenchor abgefangen wird.

Wenn der Sonnenschatten F2 im südlichen Seitenchor ankommt, geht der Tag bereits langsam zu Ende und das Fenster F2 wird zunehmend weniger lichtdurchlässig, da infolge des zunehmend flacheren Sonnenlichteinfalls sowohl die nach außen vorspringenden Maßwerkstreben innerhalb des Fensters selbst als auch der benachbarte außen der südlichen Chorwand aufsitzende Stützpfeiler Schatten werfen ( Abb. 2 ) Zudem wird bei tief stehender Sonne ( also im Winterhalbjahr ) zunehmend die gesamte südliche Kirchenwand durch die benachbarten Häuser des Kilianplatzes bis schließlich hinauf aufs Dach beschattet.

Fenster F3 und Hochaltar
Fenster 3 ist das größte ( längste ) der drei Fenster der südlichen Chorwand. Der zugehörige Sonnenschatten erreicht in den ersten Märzwochen und Ende September / Anfang Oktober den linken Seitenflügel des Hochaltars gegen 16.30 Uhr und wird knapp nachdem er diesen erreicht hat vom Pfeiler P2 abgefangen ( Abb. 13 ). Der F3-Sonnenschatten läuft über den Pfeiler weiter, braucht dazu wenige Minuten um dann rechts am Pfeiler vorbei wieder auf den Hochaltar zurückzukehren. Allerdings ist der Sonnenschatten dann meist bereits sehr schwach und verdämmert zusehens.

Die vertikale Sonnenbewegung

Die Sonne – von ihrer tiefsten Position am Tag der Wintersonnenwende beginnend – steigt jeden Tag am Himmelsgewölbe um einen Tagesbetrag höher bis sie nach 182 Tagen ( = erstes Halbjahr ) zur Zeit der Sommersonnenwende am höchsten steht. Danach steigt sie ab, bis sie wieder den tiefen Ausgangspunkt zur Wintersonnenwende erreicht und damit den vertikalen Jahreszyklus vollendet hat.

Der zugehörige Sonnenschatten im Kircheninneren erfährt entsprechend einen Ab-Auf-Jahreszyklus ( vertikale Sonnenschatten-Jahresbahn ), wobei – wie schon vom horizontalen Tageszyklus bekannt – in der Kirche die Bewegungsrichtung des Sonnenschattens der der Sonne entgegengesetzt ist. Wenn die Sonne draußen am Himmel höher steigt, bewegt sich in der Kirche der Sonnenschatten nach unten und umgekehrt. Konkret: in der ersten Jahreshälfte gibt es einen Sonnenschatten-Abstieg und in der zweiten Jahreshälfte einen Sonnenschatten-Aufstieg. Der höchste Punkt den die Sonnenfenster­schatten der vertikalen Bahn von F1, F2 und F3 mit ihren oberen spitzen Enden auf der nördlichen Chorwand erreichen liegt in Höhe der unteren Hälfte der nördlichen Chorwandfenster und wird erreicht zur Zeit der Wintersonnenwende. Dies ist gleichzeitig die höchste Position der horizontalen Sonnenschatten-Tagesebene.

Es unterliegt nun aber die horizontale Tagesebene dem vertikalen Jahreszyklus. was bedeutet, dass im Laufe der ersten Jahreshälfte die horizontale Sonnenschatten-Ebene in 182 kleinen subjektiv unmerklichen Tagesschritten absteigt. Zunächst an der nördlichen Chorwand hinunter, dann in Fortsetzung der vertikalen Bewegungsrichtung übergehend auf den Chorraumboden mit Richtung auf die südliche Chorwand. Zur Sommersonnenwende steht der nun nur noch kurze Sonnenschatten zwischen der südlichen Chorwand und dem südlichen Chorpfeiler ( Abb. 12, Abb. 18d )

Abb. 18    Die Sonnenschatten der Chorfenster F1, F2, und F3 ( Abb. ohne F3 ) im „vertikalen“ Jahreslauf, jeweils gegen 12 – 13 Uhr Tageszeit.

  • am 6.2.2018 gegen 13.30 Uhr
  • am 12.10.2018 gegen 12.20 Uhr
  • am 26.3.2917 gegen 11.50 Uhr
  • am 13.6.2019 gegen 12.00 Uhr

Bei Projektion auf die nördliche Chorwand entspricht die Sonnenschatten-Größe etwa der Größe ihrer Ursprungsfenster, bei Projektion auf den Chorboden werden die Sonnenschatten zunächst etwas länger, um danach – je näher sie an die südliche Chorwand heranrücken – immer kürzer zu werden. Zur Sommersonnenwende hat der Sonnenschatten seine geringste Längenausdehnung erreicht.

Danach läuft der Prozess auf der vertikalen Achse wieder zurück zum Wintersonnenwendepunkt. Da die vertikale Sonnenschattenbewegung in ihrer kompletten Ab- und Auf- Bewegung eine Strecke bespielt, die sehr viel länger ist als die vertikale Ausdehnung des Hochaltars bedeutet dies für die uns besonders am Herzen liegende Hochaltar-Sonnenschatten-Beziehung ein Zweifaches:

  • Der Hochaltar wird von den Sonnenschatten nur in einem Teil des Jahres getroffen und
  • Der Hochaltar wird während zwei Perioden im Jahr von Sonnenschatten getroffen, je einmal in der vertikalen Abstiegsphase (Frühling) und einmal in der vertikalen Aufstiegsphase (Herbst).

Wie in Abb. 15 dargestellt, kann aus dem horizontalen Tageslauf der Sonnenschatten die Tageszeit abgelesen werden und aus dem vertikalen Jahreslauf näherungsweise der Jahresfortschritt etwa monatsweise abgeschätzt werden.

Sonnenlicht auf dem Hochaltar

Im Inneren der Kilianskirche herrscht bei bewölktem Himmel eine allgemeine Dämmerigkeit, die durch die graubraune Sandsteinfarbe des Mauerwerks wie auch durch beschattete Nischen gefördert wird. Auch der Hochaltar steht dann wegen der reduzierten Lichtdurchlässigkeit der umgebenden Farbglasfenster in einer Dunkelzone, weshalb er von der Kirchengemeinde eine künstliche Dauerbeleuchtung erhalten hat. Auf dem Hochaltar liegt seitdem während der Öffnungszeiten der Kirche immer künstliches Licht, wodurch der Altar optisch deutlich aufgewertet und seine zentrale Stellung in der Kirche unterstrichen wird. Als Besucher ist man für diese Sehhilfe dankbar. Gleichwohl ist anzumerken, dass das Kunstlicht eine Eintönigkeit und Flachheit der eigentlich großartigen Schnitzkunst zur Folge hat. Um so großartiger blühen die Statuen auf, werden sie von direktem Sonnenlicht erfasst. Bei genauem Hinsehen gewahrt man jetzt auch zarte Reste einer früheren Bemalung, die zum lebendigen Eindruck beiträgt.

Für die vorliegende besonders auf den Hochaltar ausgerichtete Untersuchung wurden speziell die Sonnenschatten-Durchgangsphasen über den Altar verfolgt. Über einen ganzen Jahreszeitraum betrachtet ist das Zusammentreffen von Sonnenschatten und Hochaltar ein seltenes Ereignis. Die Kirche ist zwischen 10 und 18 Uhr täglich zugänglich entsprechend ca. 2.800 Stunden/ Jahr. Bei Zugrundelegung von Angaben des Wetterdienstes scheint davon durchschnittlich ca. 1.700 Stunden lang die Sonne, aber insgesamt nur 30 Stunden trifft nach eigener Feststellung Sonnenschein direkt den Hochaltar. Bei einem beliebig terminierten Besuch der Kirche ist es demnach ziemlich unwahrscheinlich, den Hochaltar sonnenbeschienen vorzufinden. In den fünf Jahren meiner Beobachtungszeit habe ich alle zehn 20-Tages-Perioden eines Sonnenlichtdurchgangs über den Hochaltar engmaschig verfolgt. Fünfmal im Frühjahr und fünfmal im Herbst. Sechs von den zehn Perioden sind komplett ausgefallen, weil der Himmel durchgängig von einer dichten Wolkendecke verhangen war.

Abb. 19 stellt Ablauf und Lage der Sonnenschattenbewegung über dem Hochaltar dar und zwar für die Zeit vom 25. September bis 15. Oktober, jeweils täglich von 15.30 Uhr bis 16.30 Uhr. Die farbigen Flächen zeigen die Lage der Sonnenschatten, die Pfeile ihren aufsteigenden Weg über den Altar, der zwischen Madonna und dem hl. Kilian endet.

Abb. 19    Sonnenschattenbewegung über dem Hochaltar zwischen dem 25. September und dem 15. Oktober. Die Abbildung ermöglicht eine Abschätzung wann welcher Altarabschnitt vom Sonnenlicht beschienen wird.

Das Lichtwunder. Der Hochaltar im Sonnenlicht

Sonnenlicht trifft den Hochaltar zwei mal im Jahr
und zwar während der Kernzeiten

1. bis 20. März und
20. September bis 10. Oktober

jeweils in der Zeit

von 15.30 Uhr bis 16.15 Uhr

👉Der Beobachter sollte möglichst nahe an den Hochaltar herangetreten und sich unmittelbar vor dem Gitter aufstellen, damit die Details der Oberflächenstrukturen und der Färbung möglichst genau gesehen werden können. Bereits bei nur wenig zu weitem Abstand geht das eindrucksvolle Erlebnis verloren. Die Kilianskirche kann von 9.30 Uhr bis 17.00 Uhr im Winter und bis 18.00 Uhr im Sommer betreten werden. Zur Zeit des „Sonnenwunders“ ist die Kirche regelmäßig geöffnet.

 

 

Bildergalerie

Der Sonnenschatteneffekt ist besonders eindrucksvoll, wenn er die Schnitzfiguren des Hochaltars betrifft. Aber auch viele andere Objekte im Kirchenraum erfahren eine attraktive Aufwertung und wollen vom Besucher entdeckt werden. Die nachfolgende Bildergalerie versucht einen näherungsweisen Eindruck zu vermitteln. Tatsächlich ist der Sonnenschatteneffekt real noch eindrucksvoller als es Bildschirme und gedruckte Fotographien wiedergeben können. Eigenes Erleben ist durch nichts zu ersetzen.

 

Abb. BG 01    Zentrales Mittelchorfenster von Charles Crodel ( 1968 ) mit kräftigen abstrakten Farbakzenten, das „freundlichste“ Fenster der Kirche, allerdings im untern Anteil vollständig und im oberen Anteil teilweise verdeckt durch den Seyfer Altar. Hier der Blick durch den schwarzen Schattenriss des Gesprenges.

 

Abb. BG 02a    Seyfer Altar. Der Sonnenschatten ist fokussiert auf die Mittelachse des Altars und damit auf sein zentrales Anliegen, die Feier von „Maria mit dem Kind“ und „Christus als Schmerzensmann“ mit Maria und Johannes in der Pedrella.
Im zentralen Altarcorpus sind fünf Hauptfiguren und ins Rankenwerk vier Nebenfiguren aufgestellt. Jeweils von links nach rechts:
Der hl. Laurentius, der hl. Petrus, Maria mit Jesuskind, der hl. Kilian und der hl. Stephanus sowie in der oberen Reihe: ein Weggefährte des Kilian, dann zwei Nothelferinnen aus dem Gefolge der Maria: Margareta von Antiochien und Apollonia und ganz rechts ein weiterer Weggefährte des Kilian.
Aufnahme am 16.3.2015 um 16:15 Uhr.

 

Abb. BG 02b    Zum Vergleich: der Seyfer Altar bei künstlicher Beleuchtung.

 

Abb. BG 03    Seyfer Altar. Der Sonnenschatten beleuchtet den hl. Laurentius sowie darüber einen der Weggefährten des hl. Kilian.

Aufnahme am 26.2.2017 um 16:00 Uhr

 

Abb. BG 04    Sonnenschatten über der Altarmittelachse wie in BG02, also eine Aufnahme zur gleichen Tageszeit wie dort ( hier 16:05 Uhr ). Der Sonnenschatten ist jedoch nach oben verschoben, verfehlt daher die Pedrella und reicht weit ins Gesprenge. Die Aufnahme entstand entsprechend nicht am 16.3., sondern in der vertikal aufsteigenden Kirchensonnenuhr-Jahresphase, nämlich am 5.10.2018.

 

Abb. BG 05a    Maria mit Jesuskind im Sonnenschatten.

Aufnahme am 7.3.2020 um 16:15 Uhr.

 

Abb. BG 05b    Zum Vergleich: die zentralen Altarfiguren im Kunstlicht.

 

Abb. BG 06a    Maria mit Jesuskind im Sonnenlicht, Petrus im Schatten.

 

Abb. BG 06b     Ausschnitt aus a). Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Figuren früher offenbar vollständig farbig bemalt waren. Farbreste besonders im Gesicht Marias und der Bauchpartie des Kindes, die auch jetzt noch zum Eindruck einer „Verlebendigung“ der Figuren beitragen.

 

Abb. BG 07 a.)    Das Jesuskind im Sonnenlicht, Maria im Halbschatten. Sonne auch über der Petrusbüste. Sonnenschatten sind nicht immer in voller Ausdehung verwirklicht, sondern mitunter durch Wolkenbedeckung auf Teilbereiche verkleinert.

Aufnahme am 15.10.2015 um 16:02.

 

Abb. BG 07 b.)    Gleiche Szene im Kunstlicht.

 

Abb. BG 08a    Petrus im Sonnenlicht.

 

Abb. BG 08b    Petrus bei Kunstlicht. Im Vergleich wird die Strahlkraft des Lichts überdeutlich.

 

Abb. BG 09a    Predella. Die Kirchenväter Gregor ( links ) und Hieronymus bei Sonnenschein.

 

Abb. BG 09b    Die Kirchenväter Gregor und Hieronymus bei Kunstlicht.

 

Abb. BG 10a    Johannes im Sonnenlicht.

 

 

Abb. BG 10b    Ausschnitt aus a. mit Bemalungsspuren.

 

Abb. BG 11a    Seyfer Altar, linker Seitenflügel mit Pfingstereignis. Ausschnitt mit Portraits mehrerer Jünger bei Sonnenlicht.

 

Abb. BG 11b    Ausschnitt mit den Köpfen der Jünger bei Kunstlicht.

 

Abb. BG 12    Gesprenge des Seyfer Altars mit Kreuzigungsgruppe bei ( schwachem ) Sonnenlicht. Aufnahme vom 26.10.2018, 16:12 Uhr.

 

Abb. BG 13    Gemeindealtar bei Sonnenlicht. Aufnahme am 14.3.2016 um 14:50 Uhr.

 

Abb. BG 14a    Heilbronner Stadtwappen mit städtischem Adler, gehalten von zwei Engeln. Aufnahme am 2.2.2015 um 17:11 im Sonnenlicht.

 

Abb. BG 14b    Heilbronner Stadtwappen oberhalb des Gemeindealtars mit städtischem Adler, gehalten von zwei Engeln, im Schatten.

 

Abb. BG 15a    Kanzel im Sonnenlicht am 14.2.2017 um 15:35.

 

Abb. BG  15b    Kanzel im Schatten.

 

Abb. BG 16a    Der nördliche Seitenchor enthält restliche Fragmente eines Sakramenthauses, darin eine bekrönte Frauengestalt ( unbekannter Zuordnung ) im Sonnenlicht.

 

Abb. BG 16b    Nördlicher Seitenchor. Bekrönte Frauenfigur im Schatten.

 

Abb. BG 17    Nördliche Chorkapelle. Zwei Anbetungsengel, davon einer im Sonnenlicht, der andere im Schatten. Aufnahme am 30.1.2019 um 13:20 Uhr.

 

Abb. BG 18    Nördliche Chorkapelle. Knieende Figur vom ehemaligen Denkmal für Bernhard von Mentzingen. Aufnahme im Sonnenlicht am 6.1.2017 um 12:05 Uhr.

 

Abb. BG 19a    Zwei Engelköpfe von der Basis des Denkmals in BG18. Hier im Sonnenlicht am 18.1.2016 um 11:15 Uhr.

 

Abb. BG 19b    Zwei Engelköpfe von der Basis des Denkmals in BG18 im Schatten.

 

Abb. BG 20a    Sonnenschatten im Langhaus bei verschiedenen Jahres- und Tageszeiten.

a.) Mitte November fallen die Sonnenschatten der Spitzbogenfenster der südlichen Außenwand ( am rechten Bildrand ) mit ca. 35 Grad flach abfallend zuerst die Jochbogenränder berührend, dann tief in den nördlichen Mitte- und Seitenschiffbankblock sowie auf die nördliche Pfeilerreihe. Aufnahme am 16.11.2015 gegen 15.15 Uhr.

Abb. BG 20b    In Mitte März dagegen bei steilerem Einfallswinkel der Sonnenstrahlen wird nur der südliche Bänkeblock getroffen. Aufnahme am 13.3.2019 um 13.10 Uhr.

Abb. BG 20c    Rechtes Seitenschiff. Sonnenschatten auf den zum Chor gelegenen Kappellenwänden am 10.3.2017 um 16.25 Uhr.

Abb. BG 20d    Blick von der Kanzel auf südlichen Mittel- und Seitenbankblock. Ersterer erhält mit ca. 35 Grad mittelschräg einfallendes Sonnenenlicht über die oberen Spitzbogenfenster. Die Sonnenschatten reichen daher nur bis in den südlichen Mittelbankblock. Der Seitenbankblock erhält seine Sonnenschatten über die Kapellenfenster. Aufnahme am 26.3.2017 um 12.10 Uhr.

 

Abb. BG 21a    Langhaus mit Blick auf den Orgelprospekt. Über der Walcher-Orgel ( 1959 ) die Rosette der Westfassade. Da der Rosette mit wenigen Metern Abstand die Nachbarhausfassade vorgelagert ist, bekommt die Rosette nur wenig natürliches Licht. Die Farbstellung der Rosette kommt daher erst nach digitaler Bildbearbeitung voll zur Geltung ( Abb. 21b )

Abb. BG 21b    Farbstellung der Westfassadenrosette mit digitaler Bildbearbeitung hervorgehoben.

 

Abb. BG 22a    Trotz ihrer Zartfarbigkeit (  vergl. Abb 9 ) werfen die Spitzbogenfenster der südlichen Langhauswand deutlich farbige Sonnenschatten auf a.) Wände und b.) Pfeiler (  und die Bankreihen ( nicht dargestellt ) ). Aufnahme am 6.1.2020 um 18.50 Uhr.

Abb. BG 22b    Farbige Sonnenschatten auf Langhauspfeiler am 25.9.2018 um 11.50 Uhr.

 

Abb. BG 23    Sonnenschatten ( unteres Bild ) auf dem Langhausboden vom ersten Kapellenfenster ( oberes Bild ) der südlichen Langhauswand. Die farbigen szenischen Fensteranteile halten Licht sehr stark zurück.

 

Abb. BG 24    Letzter Tagesrest des Sonnenschattens von Fenster F1 an der Decke des südlichen Seitenchors.

Aufnahme am 9.11.2019 um 16:35 Uhr.

 

Abb. BG 25    Eingangshalle. Südportal mit Lebensbaum von Franz Gutmann ( 1996 ) und expressivem Sonnenschatten. Aufnahme am 8.11.2015 um 14:15 Uhr.

 

Abb. BG 26    Eingangshalle: „Verstecktes“ Westfassadenfenster von Raphael Seitz ( seit 2005 ) bei seltenem Sonnenlichteinfall. Aufnahme am 4.6.2013 um 15.24 Uhr.

 

 

Vorschau

Demnächst werden die unten abgebildeten Bildmotive als Postkarten in der Kilianskirche ausgelegt werden.

Postkartenmotiv Petrus im Sonnenlicht
Postkartenmotiv Jesus und Maria im Sonnenlicht
Postkartenmotiv Seyfer Hochaltar Triptychon, seitliche Perspektive
Postkartenmotiv Seyfer Hochaltar Triptychon
Postkartenmotiv Jesus und Johannes im Sonnenlicht
Postkartenmotiv Engel im Treppengeländer
Postkartenmotiv südliches Seitenschiff
Postkartenmotiv Altar und Chorraum
Westfassadenfenster
Postkartenmotiv Chrodelfenster Jesus am Kreuz
Postkartenmotiv Chor und Chorgewölbe
Postkartenmotiv Seyfer Hochaltar, zentrale Achse Mittelstück

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9 Kommentare

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  1. Vielen herzlichen Dank für diese großartige Arbeit. Sie konnten sehr überzeugend darstellen, wie Sonnenlicht die Figuren des Seyfferaltars plastisch verändert. So habe ich die Kilianskirche noch nie betrachtet.

  2. Großartig. Wir alle haben verlernt zu sehen und wir haben die Bedeutung von Licht vergessen. Diese Arbeit sollte
    für alle Foto-und Kunstinteressierte in der Volkshochschule angeboten werden. Für kreative Bildgestaltung sind Licht und natürlich Geduld enorm wichtig. Nochmals meine Gratulation zu dieser vorbildlichen Arbeit.

  3. Wie sich dem Geduldigen die Schönheit der Kilianskirche und derer Kunstwerke erschließt,
    ist dem Dr. Rumpelt meisterlich gelungen, besonders mithilfe von Sonne und Kamera.

  4. Die Kirche als Sonnenuhr. Was für eine wunderbare Arbeit. Wie gut, dass die sinnig gestalteten Fenster von Charles Crodel erhalten wurden.
    Erinnerungen an Heilbronn.

  5. Mein Lieblingsbild ist ja der Petrus im Sonnenlicht, besonders in der Vergößerungsansicht. Die Holzmaserung im Gesicht, ausdrucksstark.

  6. Einfach beeindruckende Fotos. So kann man die Schönheit dieser Kunstwerke noch besser erfassen.
    Gratulation für diese wunderbare Präsentation.